Bevor du mit Schattenarbeit Übungen anfängst, ist ein ehrlicher Hinweis wichtig. Schattenarbeit kann intensiv sein. Wenn du weißt, dass du mit starken Traumata oder einer labilen emotionalen Verfassung zu tun hast, dann ist professionelle Begleitung keine Schwäche, sondern Weisheit. Diese Übungen eignen sich für Menschen, die grundsätzlich stabil sind und sich neugierig und offen auf sich selbst einlassen möchten.
Die erste und vielleicht wirkungsvollste Einstiegsübung ist das bewusste Beobachten von Trigger-Reaktionen. Ein Trigger ist eine starke emotionale Reaktion auf eine Situation, die objektiv betrachtet eigentlich keine so starke Reaktion rechtfertigt. Wenn dich zum Beispiel die Selbstsicherheit einer anderen Person enorm stört, obwohl diese Person dir nichts getan hat, dann lohnt sich die Frage: Was sagt mir das über mich selbst? Schreib dir diese Trigger für ein bis zwei Wochen auf. Nicht um dich zu verurteilen, sondern um Muster zu erkennen.
Eine weitere kraftvolle Schattenarbeit Übung ist der direkte Dialog mit einem inneren Anteil. Such dir eine ruhige Zeit und lade innerlich einen Anteil ein, der sich zeigen darf, zum Beispiel den Teil, der sich nicht gut genug fühlt, den Teil, der immer stark sein muss, oder den Teil, der wütend ist, es aber nie zeigt. Stelle ihm innerlich einfache Fragen: Wie alt bist du? Was brauchst du? Was hast du so lange für mich getan? Und hör dann ohne Bewertung hin, was sich zeigt. Das können Bilder sein, Gefühle, Sätze, Körperempfindungen. Was auch immer auftaucht, ist wertvoll.
Journaling ist in der Schattenarbeit dann sinnvoll, wenn es nicht zur reinen Analyse wird. Eine hilfreiche Methode ist das unzensierte Schreiben, auch Stream of Consciousness genannt. Nimm dir zehn Minuten, stell einen Satzanfang oben auf die Seite, zum Beispiel "Was ich niemals zugeben würde..." oder "Der Anteil in mir, dem ich am wenigsten vertraue..." und schreib dann einfach, ohne nachzudenken, ohne zu korrigieren, ohne zu werten. Lass die Feder laufen und schau, was sich zeigt. Nicht selten kommen dabei Sätze und Gefühle ans Licht, die sich lange im Schatten verborgen haben.
Körperorientierte Übungen spielen in der Schattenarbeit ebenfalls eine wichtige Rolle. Der Körper speichert verdrängte Gefühle und Erfahrungen in Form von Anspannung, Schmerz oder Taubheit. Eine einfache Übung ist es, sich hinzulegen, die Augen zu schließen und mit Aufmerksamkeit durch den Körper zu wandern. Dort wo du Anspannung oder Unbehagen spürst, kannst du innerlich nachfragen: Wenn diese Empfindung ein Gefühl hätte, welches wäre es? Wenn sie eine Farbe hätte, welche? Wenn sie eine Botschaft hätte, was würde sie sagen? Diese Art von Körperdialog kann überraschend tiefe Zugänge öffnen.